Projektbeschreibung
Problemstellung
Vor dem Hintergrund einer sich verändernden Arbeitswelt durch Globalisierung und demographischen Wandel rückt das Thema betriebliches Gesundheitsmanagement zunehmend in den Fokus der Unternehmen. Insbesondere dem präventiven, salutogenen Ansatz kommt hier immer mehr Bedeutung zu. Denn nur wer dauerhaft gesunde, qualifizierte und leistungsfähige Mitarbeiter im Unternehmen hat, kann langfristig am Markt bestehen.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, bauen Unternehmen zunehmend Wettbewerbsfaktoren wie nachhaltige Organisationsentwicklung, Personalentwicklung und vor allem Personalpflege, aus. Immer bedeutender wird in diesem Zusammenhang die betriebliche Gesundheitsförderung (BGF). Gegenwärtig existieren in vielen deutschen Unternehmen verschiedene Formen der BGF, jedoch wird noch zu oft nach dem Gießkannenprinzip" verfahren, d.h. mal hier ein Rückenschulkurs für die Mitarbeiter und mal dort ein Gesundheitstag mit Nordic Walking für die Belegschaft.Obwohl diese Maßnahmen gut gemeint sind, können solche Interventionen aber nicht als nachhaltige Investition betrachtet werden. Es fehlt eine systematische Umsetzung in Form eines betrieblichen Gesundheitsmanagements.
Um dauerhaft die Gesundheit jedes Einzelnen zu fördern und damit nachhaltig für Mitarbeiter und Unternehmen einen Nutzen zu erlangen, bedarf es eines kontinuierlichen und umfassenden Gesundheitskonzeptes, das als Teil der Unternehmenskultur in das Unternehmensmanagement eingebettet ist und unter Berücksichtigung der individuellen Arbeits- und Lebensbedingungen im Unternehmen umgesetzt wird. Obwohl in der Forschung die positiven Wirkungen von Gesundheitsförderung auf den Menschen und die Organisation ausreichend beschrieben sind, herrscht oft noch Unklarheit über deren wirtschaftliche Effekte auf das Unternehmen. So existieren drei wesentliche Problemfelder, an denen das Projekt "GemNet" ansetzt:
- Eine strategische Betrachtung fehlt: In der heutigen Praxis werden in der betrieblichen Gesundheitsförderung zumeist nur einzelne ad hoc Maßnahmen durchgeführt. Die komplexer werdenden Anforderungen in der Arbeitswelt erfordern aber zunehmend die strategische Ausrichtung des betrieblichen Gesundheitsmanagements, um gezielt zum Unternehmenserfolg beitragen zu können.
- Eine ganzheitliche Betrachtung fehlt: Präventive Maßnahmen zielen im Wesentlichen auf die körperliche Gesundheit und vernachlässigen Aspekte der psychischen Stabilität.
- Bislang sind die Anstrengungen der Akteure nicht hinreichend vernetzt: Anstrengungen in den Bereichen demographischer Wandel, Gender, Bildungs- und Wissensmanagement bieten vielfältige Synergien zu einer präventiven Gesundheitsförderung. Besonders der Einfluss von Kompetenzsteigerungen und Ressourcenaufbau (Ehrenamt etc.) im privaten Bereich sind nicht oder nur unzureichend im beruflichen Bereich erkannt.
Ziele des Gesamtvorhabens
Die beschriebene Problematik bildet die Ausgangsbasis des Projektes "GemNet" zu deren Erforschung das Projektkonsortium mit einer Vielzahl von Praxispartnern zusammenarbeitet um Antworten und Lösungen zu finden. Im Rahmen des Forschungsprojekts werden folgende Ziele verfolgt:
- Vernetzung der Akteure Kranken-, Rentenversicherung und Betrieb zur Steuerung der betrieblichen Gesundheitsförderung mit einem Steuerungsinstrument: Aufzeigen und Analysieren von Zielkonflikten und Vernetzungsmöglichkeiten der Akteure des Gesamtsystems zur Überwindung von Systemgrenzen sowie der Bewertung hinsichtlich der Gesundheitswirkung. Identifikation möglicher Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Akteuren (einschließlich Anbietern ehrenamtlicher Arbeit) und Optimierung der Zusammenarbeit. Die Organisation des traditionellen Arbeits-, Gesundheits- und Sicherheitsschutzes (AGS) soll dabei mit innovativen, zukunftsfähigen Themen angereichert werden; z.B. neue Arbeits- und Organisationsformen, diversity management (inkl. Gender), demographischer Wandel, Bildung, Auswirkungen von Arbeitsintensivierung und -flexibilisierung auf die Gesellschaft, soziale Verantwortung von Unternehmen.
- Ableitung von Empfehlungen zur Gestaltung präventiver Maßnahmen
für dieses Gesamtsystem.
- Aufzeigen von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen zwischen Prävention und betrieblichem Erfolg.
- Verknüpfung der betrieblichen Perspektive von Wirtschaftlichkeit mit den Zielsystemen aller Akteure in der Prävention (Beschäftigte, Krankenversicherungen, Rentenversicherung, Betriebe, gemeinnütziger Vereine).
- Integration einer ganzheitlichen Perspektive in den "Köpfen" aller Akteure zur Gesundheitsförderung zum gezielten Ressourcen- und Kompetenzaufbau.
- Einbezug der privaten, ehrenamtlichen Tätigkeiten von Mitarbeitern in die betriebliche und überbetriebliche Bewertung des Humankapitals.
- Beispielhafte Bewertung von Maßnahmen der präventiven betrieblichen Gesundheitsförderung mit Hilfe monetärer und nicht-monetärer Kennzahlen.
- Konzeption und Implementierung von strategischen Steuerungsinstrumenten in Anlehnung an das Konzept der Balanced Scorecard unter explizierter Berücksichtigung der Vernetzung.
- Aufzeigen eines Gesamtkonzepts- und Vorgehensmodells.
- Übertragung des Konzeptes auf kleine und mittelständische Unternehmen.
Die nachfolgende Abbildung veranschaulicht, wie synegoistische Vernetzung aussehen kann:
Teilprojekt IPRI
Bei der Organisation und Durchführung des BGM sehen sich Unternehmen häufig den folgenden Problemen ausgesetzt:
- Fehlende strategische Ausrichtung des BGM aufgrund unabgestimmter und verteilter Einzelmaßnahmen.
- Unklarheit über die Wirkungen des BGM aufgrund fehlender Kennzahlen zur Messung von Gesundheit und deren Auswirkungen.
- Unzureichende Durchdringung im Unternehmen aufgrund eines fehlenden Bewusstseins und mangelnden Committments für gesundheitsbezogene Themen.
- Unzureichende Vernetzung mit externen Partnern wie Krankenversicherungen, Rentenversicherungen oder Sportvereinen etc.
Ziel dieses Projektumfangs ist die Entwicklung eines Steuerungsinstruments, welches die Vernetzung der vielfältigen internen und externen Akteuren des BGM fördert. Hierbei wird auf das in der Praxis vielfach erprobte Instrument der Balanced Scorecard (BSC) zurückgegriffen. Sie dient dazu, die strategischen Ziele des BGM zu operationalisieren, indem konkrete Maßnahmen für den einen organisatorischen Gesundheitsbereich abgeleitet werden und schließlich die Zielerreichung gemessen wird. Folgende drei Ziele erhalten dabei besondere Berücksichtigung:
- Operationale Exzellenz des BGM: Die Prozesse der betrieblichen Gesundheitsförderung müssen so ausgerichtet werden, dass sie präventiv den sowohl der physischen als auch psychischen Belastungen gerecht werden.
- Integration der Führungskräfte in das BGM: Da die BGM-Maßnahmen nicht durch einzelne Akteure in Unternehmen erbracht werden können besteht die Herausforderung darin, die unterschiedlichen Akteure - insbesondere die Führungskräfte - organisatorisch in einem "virtuellen" Gesundheitsbereich zu vereinen sowie jeweiligen Aspekte und Maßnahmen zu koordinieren.
- Vernetzung mit unternehmensexternen Akteuren: Neben unternehmensinternen Akteuren können auch Krankenkassen das BGM in Unternehmen spezifisch fördern. Ebenso ist die Rentenversicherung am Erhalt der Arbeitsfähigkeit der Arbeitnehmer interessiert und unterstützen diese durch Rehabilitationsmaßnahmen ("Rehabilitation vor Rente"). Derartige Ansätze müssen in ihrem Zusammenspiel so gestaltet werden, dass die Potenziale des Gesamtsystems genutzt werden können.
Im Rahmen von Fallstudien wird ein Konzept zur vernetzten Steuerung des BGM entwickelt und implementiert. Hierbei werden folgende vier Schritte wird durchgeführt:
- Schaffung des organisatorischen Rahmens: Erster Schritt für die Entwicklung der Gesundheits-BSC ist die Festlegung der organisatorischen Rahmenbedingungen.
- Klärung der strategischen Grundlagen: Entwicklung eines gemeinsames Verständnis über den erwarteten Beitrag des BGM zur Erreichung der Unternehmensstrategie sowie über dessen strategische Ausrichtung.
- Erarbeitung einer Gesundheits-BSC: Die zu verfolgenden strategischen Stoßrichtungen müssen im Rahmen der Entwicklung der Gesundheits-BSC in konkrete, strategische Aktionen für den Gesundheitsbereich übersetzt werden.
- Sicherstellung des kontinuierlichen Einsatzes: Ein wichtiger Erfolgsfaktor bei der Anwendung der BSC ist die Sicherstellung der kontinuierlichen Nutzung. Die Erarbeitung der BSC ist nicht als einmalige Aufgabe aufzufassen. Von erheblicher Bedeutung dabei ist die Integration der Gesundheits-BSC in bestehende Managementsysteme.
Teilprojekt TU Dortmund
Der Lehrstuhl für Organisationspsychologie der technischen Universität Dortmund erforscht während des Projektes die psychologischen Inhalte zur Befüllung einer "Gesundheits-Balanced Scorecard" auf Ebene der Betriebe und entwickelt in Zusammenarbeit mit den Forschungs- und Firmenpartnern ein Netzwerk zur präventiven, effizienten Gesundheitsförderung. Es leiten sich drei wesentliche Hauptziele ab:
- Welche gemeinsamen Strategieziele lassen sich für die Verantwortlichen Akteure (Renten- und Krankenversicherer, Betrieb) der betrieblichen Gesundheits-förderung finden und wie kann man diese messbar machen?
- Wie kann betriebliche Gesundheitsförderung nachhaltig, d.h. nicht nur kurzfristig gestaltet und gesteuert werden?
- Welchen Einfluss hat ehrenamtliches Engagement der Mitarbeiter auf strategische Ziele betrieblicher Gesundheitsförderung und wie kann man freiwilliges Engagement der Mitarbeiter effektiv und effizient unterstützen?
Die wissenschaftliche Prüfung und Evaluation betrieblicher Gesundheitsförderung durch die Universität Dortmund liefert einen wichtigen Beitrag zur Erschließung und Erweiterung der Bedeutung, die der Gesundheit als Wertschöpfungsfaktor in der Wissenschaft und Praxis zukommt. Außerdem werden Kriterien zur Einordnung und Bewertung der Funktion eines Gesundheitsmanagements geliefert.
Die nachfolgende Abbildung zeigt die Ursache-Wirkungsbeziehungen mit Einfluss auf den Organisationserfolg:
Teilprojekt Uni Stuttgart
Eine langfristige Veränderung gesundheitsrelevanter Verhaltensweisen der Mitarbeiter kann deren Gesundheit, Lebens- und Arbeitszufriedenheit, sowie deren Motivation beeinflussen und stellt somit einen kritischen Erfolgsfaktor der betrieblichen Gesundheitsförderung dar. Um die Bereitschaft der Mitarbeiter, sich gesund zu verhalten nachhaltig zu ändern, müssen zum einen Verhaltensdeterminanten, wie zum Beispiel Selbstwirksamkeit und Kosten-Nutzen-Abschätzungen, beeinflusst werden (Verhaltensprävention) und zum anderen Rahmenbedingungen für ein gesundheitsförderliches Verhalten, wie zum Beispiel Abstellmöglichkeiten für Fahrräder, geschaffen werden (Verhältnisprävention).
Der Lehrstuhl für Sport- und Gesundheitswissenschaften der Universität Stuttgart definiert und prüft verhaltensbezogene Kennzahlen in Bezug auf Körperliche Aktivität und Ernährung. Außerdem wird untersucht inwieweit gesundheitsfördernde Rahmenbedingungen für die Verhaltensweisen Rauchen, Alkoholkonsum, Körperliche Aktivität und Ernährung gegeben sind. Für die Generierung der Kennzahlen werden Erkenntnisse und Modelle der Gesundheits- und Bewegungswissenschaft genutzt. Aus der Kennzahl lassen sich Empfehlungen für präventive Maßnahmen ableiten. Außerdem sollen die gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen und Rahmenbedingungen zum Aufzeigen von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen zwischen Prävention und betrieblichem Erfolg beitragen.
